Opium - Afghanistans Geißel und Reichtum

TNI
Simone Bartsch
Zoomer.de
October 2008

Cites TNI

Drogen-Schlaraffenland Afghanistan: Um dem illegalen Opiumhandel im Land am Hindukusch ein Ende zu setzen, soll künftig ausländisches Militär direkt am Kampf gegen die Opiumproduktion beteiligt werden. Das zumindest fordert der Nato-Oberbefehlshaber Europas, John Craddock, zusammen mit den USA, Großbritannien, Kanada und den Niederlanden. Deutschland, Italien und Spanien hingegen stehen dem Vorstoß kritisch gegenüber. Aus gutem Grund: Mit den Mohnfeldern würden auch die Existenzen vieler Bauern zerstört werden.

Cites TNI

Drogen-Schlaraffenland Afghanistan: Um dem illegalen Opiumhandel im Land am Hindukusch ein Ende zu setzen, soll künftig ausländisches Militär direkt am Kampf gegen die Opiumproduktion beteiligt werden. Das zumindest fordert der Nato-Oberbefehlshaber Europas, John Craddock, zusammen mit den USA, Großbritannien, Kanada und den Niederlanden. Deutschland, Italien und Spanien hingegen stehen dem Vorstoß kritisch gegenüber. Aus gutem Grund: Mit den Mohnfeldern würden auch die Existenzen vieler Bauern zerstört werden. Dabei es gibt Alternativen.

UNOCD

steht für "United Nations Office on Drugs and Crime". Die UNOCD ist eine globale Einrichtung der Uno im Kampf gegen illegale Drogen und internationales Verbrechen.

Wo wird angebaut?

Der überwiegende Teil des Opiums (98 Prozent) wird der Uno zufolge in sieben südwestlichen Provinzen Afghanistans gewonnen, darunter Helmand und Kandahar. Dort sind die Taliban besonders stark. Der Norden, wo die Bundeswehr das Oberkommando hat, ist dagegen inzwischen fast drogenfrei. (AFP)

Dank blühender Schlafmohn-Felder ist Afghanistan ein reiches Land. Zumindest theoretisch: 8.200 Tonnen Rohopium im Wert von einer Milliarde US-Dollar wurden hier im vergangenen Jahr produziert - das sind 92 Prozent des weltweiten Opiumaufkommens, berichtet die UNOCD in ihrem Jahresbericht. Aus diesen 8.200 Tonnen Opium lassen sich über 800 Tonnen Heroin herstellen – und somit ein riesiger Gewinn von Hunderten Millionen Dollar erzielen. In Sachen Opium ist das Land am Hindukusch also Marktführer, kein anderes Land der Welt hat "jemals Drogen in solch tödlichem Umfang produziert", heißt es in dem Bericht. Auffällig ist, dass die Opiumproduktion seit Beginn des Isaf-Einsatzes 2002 stetig angestiegen ist. So liegt die Vermutung nahe, dass westliche Truppen zum Teil ordentlich am Drogenhandel mitverdienen.

Opiumproduktion 2007. Quelle: UNODC

Das Geschäft mit dem hübschen Schlafmohn ist allerdings ein zweischneidiges Schwert: Zwar hat der lohnende Opiumanbau- und verkauf allein 2007 über 300 Millionen US-Dollar nach Afghanistan gespült. Wirklich profitieren konnten von dem Geldfluss jedoch nur Wenige. Während sich die so genannten Drogenbarone die Taschen mit zigtausenden Dollar voll stopfen, reicht es für die, die den Mohn auf den Feldern mühevoll ernten, gerade zum Überleben. Etwa 200 Euro im Monat verdient ein Mohnbauer. Das ist zwar genug, um eine Familie zu ernähren und die Kinder auf eine Schule zu schicken, vom großen Geld sieht der Bauer allerdings nichts.

Opium-Produktion ist un-islamisch

Und es gibt noch ein weiteres Problem für die Bauern: Die Opium-Produktion und die Herstellung von Drogen ist un-islamisch und widerstrebt somit vielen Afghanen. Paradox ist zudem, dass noch im Jahr 2000, zu Zeiten der Talibanherrschaft, den Bauern die Hände abgehackt wurden, wenn sie am Opiumanbau beteiligt waren. Doch wie schon zu früheren Zeiten finanzieren sich die Taliban auch heute wieder durch die zweifelhaften Drogengeschäfte. Und die weit verbreitete Armut zwingt die rund 509.000 am Opiumanbau beteiligten afghanischen Familien, das Spiel mitzuspielen. Alternativen gibt es selten, denn zum einen ist die Auswahl der Anbauprodukte, die im schwierigen Klima Afghanistans gedeihen, gering. Und zum anderen gibt es niemanden, der den Bauern Saatgut und Anleitungen für alternative Anbaumethoden zur Verfügung stellen würde. Dabei wünschen sich viele Bauern, "dass die Regierung zu uns kommt, um mit uns über das Problem zu reden. Stattdessen zerstören sie unsere Felder", berichtet ein Afghane im Gespräch mit Mitarbeitern der NGO Transnational Institute.

Die Idee der Nato, im Rahmen des Isaf-Einsatzes an der Zerschlagung der Opiumprokution mitzuwirken, ist nicht neu. Zusammen mit den Provinzgouverneuren, der Polizei und der Armee geht die afghanische Regierung bereits seit Jahren direkt gegen die Schlafmohn-Felder vor. Eine Maßnahme, die nur mäßig erfolgreich ist. Denn: Die Mächtigen in der Politk, Armee und Polizei verdienen selbst teilweise kräftig am Drogengeschäft mit. Entweder sind sie direkt am Handel beteiligt oder sie von den Drogenbossen dafür geschmiert, die Felder doch nicht abzuholzen. Ein weiterer Nachteil: Den Bauern wird ihre Existenzgrundlage genommen; Werden ihre Schlafmohnfelder zerstört, haben sie keine Einnahmequelle mehr.

Entwicklung der Opiumproduktion in Afghanistan. Quelle: UNODC

Alternative 1: Anbau anderer Produkte

Bevor also militärisch von ausländischer Seite eingegriffen wird – und möglicherweise neue, zusätzliche Konflikte geschürt werden, vor denen beispielsweise der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold warnt – sollten auch Alternativen in Betracht gezogen werden. Eine Möglichkeit bestünde beispielsweise im Anbau von alternativen Produkten, die im Ausland einen Abnehmer finden. Getestet wurde dieses Modell bereits mehrfach. Auf Initiative der Welthungerhilfe wurde im Osten Afghanistans ein Projekt ins Leben gerufen, das sich auf den Anbau von Damaszener-Rosen konzentriert. Das ökologisch erzeugte Rosenöl wird unter anderem nach Deutschland verkauft.

In derselben Region wurde ein ähnliches Projekt mit Aprikosenbäumen gestartet, das seit zwei Jahren erfolgreich läuft. "Nangahar war ehemals eine Hauptregion für die Opiumproduktion, nun ist sie Schlafmohn-frei", erklärt Reinhard Erös, der mit seiner Kinderhilfe Afghanistan und anderen NGOs an der Aktion beteiligt war. Die getrockneten Aprikosen werden wie auch das Rosenöl exportiert. "Es funktioniert momentan. Aber keiner weiß, wie lange."

Alternative 2: Afghanistan an den legalen Welthandel anschließen

Eine andere, viel versprechend klingende Alternative wäre es, weiterhin Schlafmohn anzubauen – jedoch zu einem anderen Zweck. Denn das aus dem Schlafmohn gewonnene Opium ist ein weltweit gefragter Stoff für die Pharmaindustrie. Zahlreiche Medikamente wie beispielsweise Morphium werden aus Schlafmohn hergestellt. Denkbar wäre es also, die Opium-Produktion aus der Illegalität herauszuholen und Afghanistan legal und überwacht in den Markt mit aufzunehmen. Über 5000 Tonnen Rohopium wurden im vergangenen Jahr weltweit angefordert – geliefert wurde unter anderem aus überwachten Anbauflächen in Australien, Kanada oder der Türkei. Afghanistan mit seinen über 8.000 Tonnen Rohopium könnte also in diesen Markt mit integriert werden. Diese Idee wird seit Jahren von der Nichtregierungsorganisation Senlis Council forciert.

Dem Vorschlag stehen jedoch noch viele Skeptiker gegenüber: Der legale Anbau sei nicht attraktiv für die Bauern, sie würden weniger verdienen, als jetzt. Zudem sei der Weltmarkt bereits gesättigt. Und außerdem könne die labile afghanische Regierung den legalen Anbau möglicherweise nicht kontrollieren – das Opium würde auf dem Schwarzmarkt landen. Ein Argument, das absurd klingt: Denn bislang landet das afghanische Opium auch auf dem Schwarzmarkt - und zwar komplett.

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