"Armeen dienen nicht mehr der Abschreckung"

24 September 2009
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Friedensforscher Jochen Hippler über den Waffen-Mix im 21. Jahrhundert und neue Anforderungen an Soldaten angesichts regionaler Konflikte.

Herr Hippler, Atomwaffenteststopp, Nicht-Weiterverbreitung von nuklearen Waffen - so viel Abrüstung war lange nicht. Dürfen wir uns freuen, oder werden moderne Armeen für den asymmetrischen Krieg umgerüstet?


Zuerst einmal darf man sich freuen. Schließlich wird die politische Eiszeit unter Bush abgelöst durch eine mindestens diskursive Politik, die auch dadurch ermöglicht wird, dass ein US-Präsident über Abrüstung spricht. Das haben Friedensbewegung und -forscher lange gefordert. Allerdings sind solche Erklärungen natürlich interessegeleitet. Für militärische sowie politische Kreise sind regionale Konflikte wichtiger geworden. Damit sind beispielsweise große Panzerverbände oder atomare Waffen für die Verantwortlichen nicht mehr so wichtig wie im Kalten Krieg.


Welche Waffen benötigen die Armeen des 21. Jahrhunderts?

Es geht um einen Waffen-Mix. Allerdings werden Transport und Logistik, Information und Vernetzung für die Militärs immer wichtiger. Wenn es also darum geht, Interventionsarmeen weltweit einsetzen zu können, dann starren Generäle nicht nur auf Waffensysteme, sondern versuchen, Vorratslager und Stützpunkte dort anzulegen, wo sie während eines Konflikts benötigt werden. Hinzu kommt noch die Ausbildung der Soldaten. Es reicht eben nicht mehr wie noch im Kalten Krieg die Feuerkraft zu maximieren.

Wie sehen der moderne Soldat und die Strukturen aus?

Wir werden sicher auch künftig noch klassische Militäreinheiten haben. Sozusagen aus Sicht der Militärs als Rückversicherung. Auch glaube ich etwa nicht, dass so schnell atomar grundlegend abgerüstet wird. Es gibt in vielen Ländern wie Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea oder Iran die Tendenz, eine Nuklearmacht zu werden oder zu bleiben. Deshalb werden die Großmächte wie USA und Russland ihre nicht vollständig aus der Hand geben. Auf der anderen Seite erfordern die regionalen Konflikte wie in Afghanistan oder in Teilen Afrikas Soldaten, die kulturell sensibler sind. Man braucht dafür Ethnologen und sprachkundige Leute, also Menschen, die mit den lokalen Sitten und Bräuchen besser zurechtkommen. Der moderne Soldat muss in der Lage sein, nicht nur militärische Ziele zu bekämpfen, sondern vor allem die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Diese Soldaten sind anders ausgerüstet. Sie sind miteinander vernetzt und benötigen Hightech-Waffen für das unübersichtliche Gelände und keine Waffensysteme.

Wie sehr verändert all dies die Verteidigungsstrategien?

Die Veränderungen seit 1990 sind drastisch. Die Armeen dienen nicht mehr der Abschreckung, sondern sind Armeen im Einsatz. Vor allem in Deutschland fehlt dazu eine ausformulierte Strategie. "Vernetzte Sicherheit" hört sich gut an, sagt aber noch zu wenig.

Interview: Andreas Schwarzkopf