Was nun?

01 Agosto 2006
Article
 

Was nun?
Susan George
Text for the World Social Forum, Porto Alegre, 15 January 2001


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[English version]

Die weltweite soziale Bewegung gegen die Globalisierung der Konzerne und der Finanzmärkte und für eine gerechtere, demokratischere und ökologisch tragfähigere Welt hat in den vergangenen drei Jahren eine weite Strecke abgelegt. Wir haben beachtliche Siege verbucht: Das Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) ist so gut wie tot, auch wenn es jetzt versucht wird, es wiederzubeleben. Die Weltbank, der Internationale Währungsfond (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO) befinden sich alle in einer Krise, die von Bushs Präsidentschaft noch verschlimmert werden könnte. Überall lehnen sich VerbraucherInnen gegen genetisch modifizierte Organismen (GMO) auf. Dutzende, Hunderte Kämpfe finden an Dutzenden, Hunderten von Orten auf dem ganzen Globus statt. Dank unserer Aktionen, unserer Proteste und der breiten Ablehnung der neo-liberalen Globalisierung erkennen immer mehr Menschen, dass wir "das Ende der Geschichte" noch nicht erreicht haben. Porto Alegre eröffnet uns eine realistische und hoffnungsvolle Perspektive, Pläne für eine andere Zukunft zu schmieden. Und wie die Devise von Attac lautet: "Eine andere Welt ist möglich".

Das sind keine geringen Erfolge und es sollte schon ein Grund für Freude sein. Wir sollten uns aber zugleich bewusst sein, dass der weitere Weg lang und hart sein wird. Es stimmt, dass die Weltbank, der IWF und die WTO harte Schläge einstecken müssten, aber sie haben dennoch immer einen festen Stand und ihre Macht nicht aus den Händen gegeben. Die Verteilung des Weltreichtums ist immer noch extrem ungerecht und Tag für Tag werden immer mehr Menschen in die Armut gedrängt. Die Schuldenlast des Südens wächst unaufhörlich und zerdrückt unzählige Leben. Der Planet, die Umwelt sind nach wie vor Zielscheibe eines unbarmherzigen, möglicherweise fatalen Angriffs.

Hinzu kommt, dass die wirklichen Mächte, die hinter der Globalisierung stecken kaum betroffen wurden. Damit meine ich die transnationalen Industrie- und Finanz-Konzerne, denen die Weltbank, der IWF, die WTO, die OECD usw. lediglich als Fassade und Lakaien dienen. Diese Megakonzerne und die Finanzmärkte stellen die eigentliche Verkörperung des weltweiten Kapitalismus dar, sie sind die wirkliche Gefahr und ihre Führer treffen sich gerade in diesem Augenblick in Davos. Solange wir sie nicht unter eine demokratische und gesetzlich bindende Kontrolle gestellt haben werden, kann von Sieg keine Rede sein.

Aus diesen Gründen möchte ich über die notwendigen Schritte sprechen, die wir gemeinsam unternehmen müssen, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, das ich mit den Worten "demokratische, gerechte und ökologische Globalisierung" zusammenfassen würde. Manche dieser Schritte sind intellektueller bzw. ideologischer Natur, andere gehören eher in den Bereiche Organisation, Taktiken und Strategien. Ich glaube, wir sollten uns als erster Schritt von der dominanten Ideologie der Alternativlosigkeit der neo-liberalen Globalisierung, die so viele Leute zu sich gezogen hatte, befreien. Dafür sollten wir damit beginnen, den Wörtern ihren wahren Sinn zurückzugeben und die Glaubwürdigkeit der Information wiederherzustellen. Das erscheint mir unerlässlich, wenn wir alle überzeugen wollen, auch die Regierungen, dass die gegenwärtige Welt nicht unvermeidlich ist, dass die Globalisierung keine Naturgewalt wie die Erdanziehungskraft und auch nicht das Ergebnis göttlicher Fügung ist, dass der Markt nicht der Richter aller Dinge sein kann.

Der französische Schriftsteller André Breton sagte: "Intellektuelle sind die Wächter unseres Wortschatzes". Der Schutz der Sprache ist aber nicht allein Aufgabe der Intellektuellen: Die ganze in Porto Alegre vertretene Bewegung muss es lernen, Worte zu gebrauchen, die für alle verständlich sind, die zugleich aber die Lügen, die unsere GegnerInnen in die Alltagssprache verpflanzt haben, aufdecken. An dieser Stelle ein Paar Beispiele für die Art und Weise, wie sich neoliberale Ideologie in die Sprache hineingeschlichen hat:

Wir sprechen von "Globalisierung", als ob alle Nationen und Völker gemeinsam ins Gelobte Land aufbrechen würden, obwohl uns durchaus bewusst ist, dass das nur ein Mythos ist. Die "Globalisierung" ist in Wirklichkeit nichts weiter als die Integration bestimmter Gegenden der Welt durch die transnationalen Industrie- und Finanz-Konzerne, sie ist der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Sie ernährt sich, indem sie den Planeten verschlingt, die Reichen bereichert, die Ungleichheiten verstärkt, die Demokratie ablehnt und Hunderte von Millionen Menschen ausschließt.

Wir reden von "Privatisierung", obwohl es um die "Enteignung" wertvoller Unternehmen geht, die durch die jahrelange Arbeit tausender Menschen entstanden sind und die heute für einen Appel und ein Ei den Eliten des Nordens und des Südens ausgehändigt werden. In der Sprache der Weltbank und des IWF reden wir von "Strukturanpassung", während es sich in Wirklichkeit um unerträgliche ökonomische Entbehrungen und einen brutalen Angriff gegen die Armen handelt. Wir reden von "Deregulierung", wohlwissend, dass tagtäglich neue Regeln durch undurchsichtige und anti-demokratische internationale Organisationen aufgestellt werden. In Wirklichkeit erdulden wir eine wahre "Neu-Regulierung".

Wir reden sogar vom "demokratisch gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten" und meinen damit George Bush Jr., obwohl klar ist, dass das amerikanische Volk soeben Opfer eines Quasi-Staatsstreichs wurde. Wenn solche Wahlunregelmäßigkeiten in einem Land der Dritten Welt zu Tage getreten wären, hätten die USA wahrscheinlich Truppen geschickt oder Sanktionen verhängt.

Ich empfinde es auch als zutiefst ärgerlich und falsch, wenn die Presse uns als "Globalisierungsgegner" bezeichnet. Sagen wir es deutlich: Wir sind "Pro-Globalisierung", denn wir treten für die Teilung der Freundschaft, der Kultur, der Küche, der Solidarität, des Reichtums und der Ressourcen ein. Wir sind vor allem in erster Linie "Pro-Demokratie" und "Pro-Planet", was für unsere GegnerInnen sicherlich nicht zutrifft.

Um das ideologische Gleichgewicht wiederherzustellen, müssen wir auch das Lügengebäude von den sogenannten Studien, die die Weltbank, der IWF oder die WTO zur Begründung ihrer Politik vorschieben, ans Licht bringen. Diese Institutionen haben in ihren Diensten willfährige, dafür gut bezahlte Intellektuelle, deren Aufgabe es ist, die Medien und das Publikum von den Wohltaten der Globalisierung für die Ärmsten dieser Welt zu überzeugen, davon, dass die Handelsfreiheit allen zugute kommt und dass die kommende Flut alle Boote heben wird, dass strukturelle Anpassungen zu mehr Wachstum, Prosperität und einer Neuverteilung des Reichtums führen, dass der Markt die Verteilung der finanziellen, materiellen und menschlichen Ressourcen am vernünftigsten regelt, und weiteren Märchen des gleichen Kalibers. Dieser Ideologie, die sich als Wissenschaft ausgibt, die Maske vom Gesicht zu reißen, ist wohl in erster Linie eine Aufgabe für ForscherInnen, aber jeder kann sich gegen diese offiziellen Lügen wehren.

Die letzte Etappe unserer intellektuellen Erneuerung besteht darin, manche schädliche Illusionen selber zu verlieren und auch andere dazu zu bewegen. Im Norden haben wir bestimmt mehr Illusionen als im Süden, aber überall ist es schwer für Menschen guten Willens zu akzeptieren, dass die Wirklichkeit dermaßen entmutigend sein kann. Hier einige Beispiele von typischen Illusionen:

Bill Gates und die übrigen 400 und mehr Milliardäre, die jedes Jahr die Hitliste schaffen und ein Vermögen ihr eigen nennen können, das dem der Hälfte der Menschheit entspricht, müssen doch verstehen, dass es nichts nützt, so viel Reichtum zu besitzen, wenn man sich an Bord der Titanic befindet! Sie werden ihren Reichtum einsetzen können, um den Zustand des Planeten und seiner Einwohner zu bessern! Das ist falsch. Die Sehnsucht nach Reichtum und Macht kennt keine Obergrenze, auch wenn die unteren Grenzen, das Elend und der Tod, klar definiert sind.

Manche denken, dass die Schulden der südlichen Hemisphäre endlich erlassen werden, wenn man nur den schlüssigen Nachweis erbringen kann, dass die Schulden töten und unzählige Existenzen vernichten. Auch das ist falsch. Hunderte von Studien haben diesen Nachweis bereits erbracht. Wir müssen erkennen, dass kein noch so großes menschliches Leid die Politik der Gläubiger ändern wird.

Die meisten BürgerInnen des Nordens scheinen zu glauben, dass die sozialen Errungenschaften, Ergebnis von 100 Jahren Kampf, von allen akzeptiert werden. Viele bleiben davon überzeugt, dass die Länder des Südens dank des Wachstums und des Entwicklungsprozesses ihren eigenen "Sozialstaat" aufbauen werden können. Das alles zu glauben ist selbstmörderisch. Die nationalen und internationalen Eliten würden uns sehr gerne ins 19. Jahrhundert zurückversetzen, wenn sie es könnten. Diese Eliten sind auf der ständigen Suche nach Methoden, noch weniger Personal einzusetzen, die Löhne nach unten zu drücken, erreichte Vorteile wieder rückgängig zu machen, öffentliche Dienstleistungen dem Markt zu überlassen, sich von Steuerzahlungen zu befreien, usw. Und was den Süden anbelangt: Seit dem Ende des Kalten Krieges empfinden die Eliten des Nordens nur noch Hohn für ihre "Entwickung" und die Gelder für solche Projekte fließen immer spärlicher.

Es wäre auch eine Illusion zu glauben, dass die transnationalen Konzerne und die reichen Staaten zumindest dann ihre Haltung ändern werden, wenn sie endlich begreifen, dass sie dass Leben auf dem Planeten, auf dem wir alle leben müssen, zerstören. Von allen Glaubenssätzen ist dieser vielleicht sogar der schädlichste. Es scheint logisch und im Interesse aller, einschließlich der reichen Länder und der Multis, unsere ökologische Basis zu erhalten. Wie ich das sehe, können sie nicht aufhören, auch wenn sie es wollen, auch nicht um der Zukunft ihrer eigenen Kinder willen. Der Kapitalismus ist wie das berühmte Fahrrad, das immer im Schwung bleiben muss, wenn es nicht fallen soll, und die Konzerne stehen in Konkurrenz zu einander, um zu sehen, wer am kräftigsten in die Pedale treten kann, bevor er gegen die Wand fährt.

Sie sehen bestimmt, worauf ich hinaus will. Das Kapital gibt der Arbeit niemals freiwillig was, die herrschenden Klassen lassen niemals ihre Macht und ihre Privilegien aus den Händen gleiten, wollen vielmehr immer mehr davon. Der Umwelt wird kein Schutz gewährt, nur weil das rational wäre, und es wäre naiv zu glauben, dass die Errungenschaften vergangener Kämpfe einfach selbstverständlich wären. Ganz im Gegenteil haben die alten Vorstellungen vom Klassenkräfteverhältnis und -kampf an Aktualität nichts eingebüßt, auch wenn wir uns angesichts des im Verlauf der letzten 150 Jahre stark veränderten Charakters der sozialen Klassen genauere Gedanken über unsere potentiellen Verbündeten machen müssen.

Zusammenfassend werden wir den Kampf zur Hälfte gewonnen haben, wenn es uns gelingt, der Wahrheit der Sprache und der Legitimität unserer eigenen Recherche wieder zu ihrem Recht zu verhelfen und die noch von Millionen von Menschen gehegten Illusionen erfolgreich zu bekämpfen. Dann erst werden wir freie Bahn haben.

Um voranzukommen, sind andere Strategien erforderlich. Klar müssen wir mit unseren Protesten weitermachen. Synchron mit der Versammlung des Weltsozialforums in Porto Alegre werden es Hunderte, vielleicht Tausende von Aktivisten sein, die gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos protestieren. Das ist ein gutes Zeichen. Allerdings scheint mir, dass wir uns ein Jahr nach Seattle über folgendes Prinzip einigen sollten: "Überall, wo 'sie' sind, werden einige von 'uns' auch sein".

Einige von uns, aber nicht alle, denn wir dürfen es dem Gegner nicht überlassen, unsere Terminkalender zu bestimmen. Porto Alegre ist zum Teil gerade deswegen so bedeutend, weil es unsere eigene Veranstaltung ist.

Nicht alle von uns können sich diese Reise leisten. Nicht alle können sich von ihrer Arbeit oder ihren Familien frei nehmen, um an allen vier Ecken der Welt zu demonstrieren. Man kann nicht eine wirkliche soziale Bewegung auf der Grundlage einer linken Elite oder einer Jugendkultur aufbauen. Wir müssen die Presse davon abbringen, alles nach dem Maßstab von Seattle zu messen, denn die Teilnehmerzahl ist nicht das Ziel, oder zumindest nicht das einzige. Manchmal, in unregelmäßigen Abständen, sollten wir die Straßen füllen um unsere Stärke durch unsere zahlenmäßige Präsenz zu beweisen. Aber sicher nicht bei jeder Versammlung des Gegners. Wir können unsere Gegnerschaft auch an Ort und Stelle zum Ausdruck bringen und durch Kreativität auch die Aufmerksamkeit der Medien auf uns ziehen.

Überall, wo wir in Erscheinung treten, müssen wir uns, meiner Meinung nach, ganz eindeutig als gewaltlose Bewegung erklären und alles dafür unternehmen, um die gewalttätigen Elemente physisch und politisch zu isolieren, die zu glauben scheinen, dass das Einschmeißen von Schaufenstern, Feuerlegen und Scharmützel mit der Polizei auf irgendeine obskure Art den Kapitalismus gefährdete. Ja, es ist mir bewusst, dass es oft die Polizei ist, die anfängt, mir ist klar, dass viele junge Menschen wütend und verzweifelt sind. Aber ich behaupte, dass sich der "Kapitalismus" ins Fäustchen lacht über unsere groben strategischen Fehler, die durch die Lupe des Fernsehens unweigerlich noch vergrößert werden, die die Sympathien auf unsere GegnerInnen vereinen und uns von potentiellen Verbündeten entfremden. Es wird uns nie gelingen, ältere Menschen, Familien mit Kindern, Behinderte oder die körperlich weniger Fitten, Angehörige von Minderheiten, die sich einen Gefängnisaufenthalt nicht leisten können, und viele andere auf unsere Seite und zu unseren Demonstrationen zu bringen, wenn wir einen friedlichen Protest nicht sicherstellen können.

"Friedlich" heißt aber nicht "langweilig". Wir müssen die künstlerische Betätigung - Theater, Tanz, Musik, Kino, Malerei - stärker in den Vordergrund stellen, um unsere Botschaft lebendiger, farbenfroher und überzeugender rüber zu bringen. Wir müssen auch überlegen, wie wir unsere GegnerInnen nicht sympathisch erscheinen lassen können, weil sie die Angegriffenen sind, sondern eher lächerlich. Diejenigen, die die Werte unserer GegnerInnen teilen, sind nicht nur kleinlich und verachtenswert, sie sind lächerlich, und wir müssen sie auf einfallsreiche, humorvolle und spöttische Weise durch den Kakao ziehen. Denken Sie an jene Volkshelden, die Mike Moore und Michel Camdessus mit Sahnetorten bewarfen. Gerade in diesem Augenblick ersucht die WTO um private Spenden, um, ich zitiere, "die mittellosen Nationen in die komplexen Regeln des internationalen Handels einzuweisen". Was für ein offenes Eingeständnis der eigenen Demokratielosigkeit dieser Organisation! Die eigenen Mitglieder verstehen nicht einmal, was sie unterzeichnet haben. Sollten wir eine Spendensammlung für die WTO ins Leben rufen? Sollten wir zum Beispiel Tausende Überweisungen über zehn Pfennige zu ihren Gunsten tätigen? Lasst uns jedenfalls lernen, solche Eingeständnisse der eigenen Schwäche zu unseren Gunsten zu nutzen.

Protestieren, ja. Zugleich müssen wir aber auch eigene Vorschläge einbringen. Das ist ein schwieriges Thema. Allzu oft wird die BürgerInnenbewegung als eine Bande unter sich zerstrittener AnarchistInnen dargestellt, die sich nur über die Ablehnung jeder Regelung einig sind. Ihr kennt alle den Refrain: "Wenn Sie die Regeln der WTO nicht akzeptieren, werden Sie die protektionistischen Kriege der 30er Jahre oder überhaupt den Krieg heraufbeschwören". "Die WTO ist dafür da, die Schwächeren vor den Stärkeren zu schützen, aber ihr, ihr wollt das Gesetz des Dschungels". "Der Handel ist gut für die Armen; ihr seid gegen den Handel; denn seid ihr gegen die Armen". Ähnliche Rechtfertigungen werden für den IWF, die Weltbank und die anderen hervorgekramt. Wir müssen deshalb klar zum Ausdruck bringen, dass wir Regeln wollen. Wir wissen, dass kein System, auch nicht Porto Alegre, ohne Regel funktionieren kann. Die eigentliche Fragestellung ist: Wer macht die Regeln und in wessen Interesse? Unsere Ablehnung eines Regewerks nichtgewählter und undurchsichtiger Organisationen - ob transnationaler Firmen, Finanzmärkte oder internationaler Institutionen - ist vollkommen berechtigt.

Die Bewegung hat sich bereits daran gemacht, andere Regeln an ihre Stelle zu setzen. Unsere Regeln müssen auf Anhieb als legitim zu erkennen sein, das heißt, sie müssen auf dem Korpus des im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelten internationalen Rechts gegründet werden: Menschenrechte, Umweltschutzvereinbarungen, Grundsatzabkommen über ArbeiterInnenrechte und ähnliches mehr. Dieses Recht muss stets Vorrang vor spezielleren Gesetzgebungen wie dem WTO-Schiedsgericht haben. Die transnationalen Konzerne und deren Vorstände müssen persönlich und strafrechtlich für die Handlungen ihrer Filialen überall auf der Welt verantwortlich sein. Die Finanzmärkte müssen mittels Steuern und, falls erforderlich, Devisenkontrollen gebändigt werden.

Genauso wie unsere VorgängerInnen für das Prinzip einer nationalen Steuergesetzgebung zur Aufhebung der Ungleichheiten und zur Finanzierung von Dienstleistungen gekämpft und sich auch durchgesetzt haben, müssen wir in einer Welt, in der sich das Geld der Unternehmen und der reichsten Individuen die Kontrolle durch den Fiskus durch Flucht in Steueroasen oder Scheinfirmen entzieht, für eine internationale Besteuerung eintreten. In einer Welt, in der die Entwicklungshilfe immer mehr zusammenschrumpft und die wirklichen Geldströme aus dem armen Süden in den reichen Norden fließen, ist eine Besteuerung des internationalen Kapitals der einzige Weg, die anstößige Nord-Süd-Kluft in den Griff zu bekommen. Die besten Zielscheiben sind Finanztransaktionen, Firmenzusammenschlüsse und -übernahmen. Man erzählt uns natürlich, dass solche Steuern technisch nicht realisierbar seien. Das ist eine Lüge. Die Welt als Ganzes ist noch nie so reich gewesen und die Technologie dafür ist vorhanden, wenn die Regierungen sie nur einsetzen wollen. Das echte Problem ist, dass ihnen der Wille fehlt.

Bei der Vertretung unserer Vorschläge müssen wir die Haltung des "defätistischen Realismus", wie sie Ralph Nader bezeichnete, ablehnen. Diese Haltung ist, dass, wenn man von der Annahme ausgeht, es sei unmöglich zu erreichen, was man wirklich will, man es nicht zu versuchen braucht. Ein Beispiel: Während des Kampfes gegen das Multilaterale Abkommen über Investitionen argumentierte das Beratende Komitee der Gewerkschaften der OECD-Länder (TUAC), dass das MAI sowieso verabschiedet würde und es daher ratsamer wäre, sich um eine Sozialklausel zu bemühen. Abgesehen davon, dass eine Sozialklausel in diesem Abkommen keinen Sinn gemacht hätte, reflektierte diese Haltung die Demotivation der ArbeiterInnenbewegung. Es ist uns aber in der Tat gelungen, das MAI zu besiegen, ohne jegliche Beteiligung all jener Gewerkschaften - wenn auch dissidente Gewerkschaften eine wichtige Rolle dabei gespielt haben. Wir müssen immer nach dem Höchsten greifen. Manchmal heißt "Realismus" zu fordern, was auf den ersten Blick unerreichbarscheint.

Alle Siege mögen zeitlich begrenzt und partiell sein, dennoch gibt es keine "unwichtige" Siege. Wir hatten einen leider berühmten Fall im Europäischen Parlament, als einige linke Vertreter sich weigerten, für eine Machbarkeitsstudie über die Tobinsteuer auf internationale Währungstransaktionen zu stimmen unter dem Vorwand, die Tobinsteuer würde den Kapitalismus lediglich flicken, sie wollten aber den Kapitalismus ganz abschaffen. Ihre wenigen Gegenstimmen waren aber letztendlich verantwortlich für die Nichtannahme.

Ich muss leider gestehen, dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, was in diesem beginnenden 21. Jahrhundert mit "Sturz des Kapitalismus" gemeint sein könnte. Vielleicht erleben wir eines Tages das, was der Philosoph Paul Virilio den "globalen Unfall" genannt hat. Wenn es dazu kommt, wird er sicherlich von unermesslichem menschlichem Leid begleitet. Wenn alle Finanz- und Aktienmärkte plötzlich und gleichzeitig zusammenbrächen, würden Millionen Menschen im Zuge von Firmenpleiten, großer wie kleinerer, auf die Straße geworfen, Bankenzusammenbrüche würden die Mittel der Regierungen, eine Katastrophe abzuwenden, bei weitem übertreffen, Unsicherheit und Verbrechen würden sich breit machen und wir befänden uns in der Hobbeschen Hölle eines Krieges aller gegen alle. Nennen Sie mich eine "Reformistin", - wenn ihr wollt - eine solche Zukunft genau so wie eine vorprogrammierte neoliberale Zukunft möchte ich vermeiden.

Wenn meine Analyse korrekt ist, müssen wir zum einen dem neoliberalen Programm unserer GegnerInnen Einhalt gebieten und zum anderen Maßnahmen durchsetzen, die das gegenwärtige grausame kapitalistische System durch ein kooperatives System ersetzen, in dem die Märkte ihren Platz haben, ihre Gesetze aber nicht der Gesamtheit der Gesellschaft diktieren können. In dieser Perspektive gibt es keine unwichtigen Siege und jeder Sieg wird zur Grundlage für zukünftige Siege.

Wir wissen sehr wohl, wofür wir kämpfen. Die unbezahlbaren Schulden des Südens, die sowieso bereits mehrfach zurückgezahlt wurden, müssen erlassen und Wiedergut-machungen für die Plünderung des Südens in Angriff genommen werden. Die internationalen Finanzinstitutionen müssen unter demokratische Kontrolle gestellt werden. Falls man sich dafür entscheidet, dass sie noch eine nützliche Funktion erfüllen können, muss diese der Mehrheit dienen. Wir brauchen ein System des internationalen Handels, aber nicht das der WTO. Manche Güter müssen ganz außer Reichweite des Handels und der Tauschbeziehungen gestellt werden. Darunter fällt die Grundversorgung mit Nahrung und Wasser für alle (allerdings müssten Menschen, die ihre Schwimmbäder füllen möchten, ein ordentlicher Preis bezahlen). Gesundheit, Bildung und andere sozialen Dienste sind keine Waren, sondern Rechte. Die öffentlichen Dienstleistungen, das Transportwesen und der soziale Wohnungsbau können großzügig zur Verfügung gestellt werden.

Sobald Menschen in den Genuss einer ausreichenden materiellen Sicherheit kommen, werden sie unendlich produktiver und bereichern die Gesellschaft. Es wäre, materiell gesehen, durchaus machbar, ein universelles Wohlstandsniveau festzusetzen, auf das alle ein Anrecht hätten, nicht als Objekt der Wohltätigkeit, sondern einfach aus dem Grund, dass wir Menschen sind. Die Welt ist noch nie so reich gewesen und wir sind im Besitz allen notwendigen organisatorischen und technischen Wissens und der Fähigkeit, die Verteilung der Güter so zu überwachen, dass Korruption oder Verluste ausgeschlossen werden können. In anderen Worten, gibt es keine Ausrede, die Welt nicht zu verändern.

Ich bin mir sicher, dass alle, die in Porto Alegre anwesend sind, verstehen, dass unsere Kämpfe in starken nationalen Bündnissen wurzeln müssen, die Bauern/Bäuerinnen, Gewerkschaften, UmweltschützerInnen, Frauen, FacharbeiterInnen, Kulturschaffende und Intellektuelle, ArbeiterInnen und Obdachlose, ImmigrantInnen, MenschenrechtlerInnen und viele andere Kräfte umfassen. Aufbauend auf solchen starken nationalen Grundlagen können wir dann unsere Kämpfe regional und international verbinden. Jedenfalls ist es nicht notwendig, in allen Punkten einer Meinung zu sein, um gemeinsam um die gleichen Ziele zu kämpfen.

Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich der tiefen und ehrlichen Überzeugung bin, dass wir all diese Dinge erreichen können. Wir haben keinen Anlass zu Pessimismus, denn wir haben seit dem Vietnamkrieg keine solche Wiedergeburt aktivistischer Energie erlebt. Ich glaube, dass wir gewinnen können. Allerdings nur unter der Bedingung, dass wir uns einer schmerzlichen Wahrheit bewusst sind, nämlich, dass alles, oder fast alles, seine Zeit braucht, viel mehr Zeit, als wir uns gerne vorstellen möchten. Das bestebzw. das schlimmste Beispiel ist vielleicht die Schuldenfrage, in der viele von uns vor 15 Jahren aktiv wurden und deren Folgen mit jedem Jahr ernsthafter werden. Daher ist es unbedingt wichtig für uns zu lernen, wie man verliert, ohne den Mut zu verlieren.

Es ist wahr, dass unsere Gegnerinnen einen Vorsprung vor uns haben. Sie haben sich früher zusammengeschlossen, sie haben das Geld, die Macht, kontrollieren die Mehrheit der Medien und haben die wichtigsten Organisationen in der Hand. Aber wir dürfen niemals vergessen, dass wir auf unserer Seite die großen Bataillone haben, wir haben die Ideen, alles, was uns heute lieb ist, alle Errungenschaften der Vergangenheit, die wir heute genießen, wurden von Menschen erreicht, die anfänglich Niederlagen einstecken mussten. Sie haben gekämpft und verloren und nochmals gekämpft und verloren, und eines Tages haben sie gewonnen. Ihrer das wäre rein sprachlich richtig, aber es gibt keinen Sinn, gemeint ist wahrscheinlich so etwas wie Ihr Andenken in Ehren oder hoch zu halten würdig zu sein erfordert, dass wir die gleiche Entschlossenheit an den Tag legen, die gleiche Geduld. Wir dürfen bei auftretenden Schwierigkeiten nicht überrascht sein, denn schließlich versuchen wir etwas zu bewerkstelligen, was noch niemand in der Geschichte der Menschheit geleistet hat!

In Erwartung unseres Erfolges dürfen wir auch nicht vergessen, dass diejenigen, die auf unserer Seite sind, mehr FreudInnen, mehr echte FreundInnen, mehr Gründe zum Leben haben als die, die sich in Davos versammelt haben. Freuen wir uns über dieses Weltsozialforum und machen wir daraus einen Riesenerfolg! Zusammen, ihr alle, die vor Ort seid, und alle, die, wie ich, nicht anwesend sein können aber den Geist teilen - zusammen werden wir die Worte Porto Alegre zum Symbol für menschliche Würde, Solidarität und Demokratie machen.