EU-Militärausgaben bis 2027 Informationsblatt 1 | Vom „Friedensprojekt“ zum Waffeninvestor
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Die Militärausgaben der Europäischen Union sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen und verändern die Prioritäten, Budgets und politischen Entscheidungen in ganz Europa. Laden Sie das Informationsblatt (auf Englisch) herunter, um zentrale Daten, Finanzierungsmechanismen und Hintergründe zum Wandel der EU vom sogenannten „Friedensprojekt“ hin zu einem bedeutenden Investor in die Rüstungsproduktion zu erfahren.
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Seit ihrer Gründung wurde die Europäische Union als Friedensprojekt dargestellt, das für Werte wie Menschenrechte und Diplomatie steht. Vor 2014 gab es im EU-Haushalt keine eigens ausgewiesenen Militärausgaben. Allerdings hatten einige Entwicklungen dieses Bild bereits zuvor ins Wanken gebracht, darunter die Finanzierung von „Sicherheitsforschung“ und außerbudgetäre Instrumente für Militäreinsätze.
Seit 2017 hat die EU ihre militärische Rolle rasch ausgebaut, neue institutionelle Strukturen geschaffen und die Unterstützung für die Rüstungsindustrie deutlich ausgeweitet. Der aktuelle siebenjährige EU-Haushalt, der Mehrjährige Finanzrahmen (MFR) 2021–27, ist der erste, der in erheblichem Umfang Militärausgaben vorsieht. Mit der Reaktion der EU auf Russlands großangelegte Invasion der Ukraine im Jahr 2022 hat sich die Militarisierung Europas weiter beschleunigt und ausgeweitet. Dazu gehört auch die Einführung mehrerer neuer Ad-hoc- und Übergangsinstrumente zu ihrer Finanzierung.
Diese Entwicklung hat ihren Preis. NATO-Generalsekretär Mark Rutte räumte 2025 offen ein, dass „mehr Ausgaben für Verteidigung weniger Ausgaben für andere Prioritäten bedeuten“, bevor er vor dem Europäischen Parlament erklärte, dass Geld aus „Renten-, Gesundheits- und Sozialversicherungssystemen“ zugunsten militärischer Prioritäten umgeschichtet werden müsse.1 Doch Steuergelder in Waffen umzuleiten, wird die sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Krisen Europas und der Welt nicht lösen. Im Gegenteil: Es verschärft sie, indem es Wettrüsten, Völkermord, Klimazerstörung und Vertreibung befeuert, öffentlichen Diensten dringend benötigte Mittel entzieht und militarisierte Antworten auf Probleme verfestigt, die im Kern politischer Natur sind. Um diesen Kurs umzukehren, braucht es eine breite, bewegungsübergreifende Antwort, die Militarisierung zurückweist und fordert, öffentliche Gelder von Krieg zum Sozialen umzulenken.

Militärausgaben der EU 2014–2020
Im Rahmen des MFR 2014–20 gab die EU 591 Millionen Euro für zwei Pilotprogramme aus: die Preparatory Action for Defence Research (PADR) und das European Defence Industry Development Programme (EDIDP). Beide waren Vorläufer des Europäischen Verteidigungsfonds und finanzierten Projekte im Bereich militärischer Forschung und Entwicklung (F&E). 2017 wurde außerdem der Aufgabenbereich des Instruments, das zu Stabilität und Frieden beiträgt (IcSP) erweitert. Das Instrument war ursprünglich zur Finanzierung von Konfliktprävention und Friedensförderung geschaffen worden, konnte nun aber auch nicht-tödliche Militär- und Sicherheitsausrüstung für militärische Akteure in Nicht-EU-Ländern finanzieren.2
Die Kosten für EU-Militäreinsätze im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) wurden über den Athena-Mechanismus (2004–21) finanziert, einen außerbudgetären zwischenstaatlichen Fonds, in den die Mitgliedstaaten einzahlten. Mehr als zwei Jahrzehnte lang fanden diese Missionen – in Europa, Afrika und Asien – weitgehend außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung statt, mit nur geringer demokratischer Kontrolle und kaum Möglichkeiten gerichtlicher Überprüfung.
Militärische Fonds im Mehrjährigen Finanzrahmen 2021–27
Im MFR 2021–27 waren ursprünglich 13,19 Milliarden Euro für Militär- und Sicherheitsausgaben vorgesehen,3 vor allem für den Europäischen Verteidigungsfonds und Projekte zur militärischen Mobilität. Nach Russlands großangelegter Invasion der Ukraine stieg diese Summe deutlich an, da die EU ihre Militarisierung und ihre Kriegsvorbereitungen rasch ausweitete. In der Folge entstanden zahlreiche neue Finanzierungsinstrumente und Initiativen. Gleichzeitig wurden zivile Förderprogramme für militärische und Dual-Use-Zwecke geöffnet.

Der Europäische Verteidigungsfonds (EDF)
Der EDF wurde als wichtigstes militärisches Instrument des MFR 2021–27 eingerichtet und zunächst mit 8 Milliarden Euro ausgestattet. Er finanziert die Forschung und Entwicklung (F&E) von Waffen und Militärtechnologien. Über jährliche thematische Ausschreibungen vergibt er Projektmittel an Konsortien aus Unternehmen, Forschungsinstituten und (militärischen) Behörden. Einige dieser Projekte sind unmittelbar mit gemeinsamen Vorhaben der Mitgliedstaaten im Rahmen der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (PESCO) verknüpft.
Grundlage für die Einrichtung des EDF war ein Beratungsbericht einer offiziellen „Gruppe von Persönlichkeiten“, die von der Europäischen Kommission eingesetzt worden war. Vertreter großer EU-Rüstungsunternehmen waren darin deutlich überrepräsentiert. Die ersten drei Jahre des Fonds zeigen, dass gerade diese Unternehmen auch am stärksten profitiert haben: Fast ein Viertel der Mittel ging an die drei größten EU-Rüstungsproduzenten Airbus, Leonardo und Thales. Nach der Halbzeitüberprüfung des MFR im Jahr 2024 wurde das Budget des EDF um 1,5 Milliarden Euro aufgestockt. Die zusätzlichen Mittel sind für ein neues Instrument namens STEP vorgesehen (siehe unten). Ein Teil des EDF-Budgets fließt zudem in besondere Initiativen wie EUDIS und AGILE. Damit sollen Mittel gezielt in bestimmte Forschungs- und Entwicklungsprojekte gelenkt und kleine und mittlere Rüstungsunternehmen sowie Start-ups stärker unterstützt werden.
EU Defence Innovation Scheme (EUDIS)
EUDIS unterstützt die Rüstungsindustrie mit verschiedenen Maßnahmen, darunter F&E-Zuschüsse und der Zugang zu Eigenkapital. Damit sollen Rüstungsunternehmen dabei unterstützt werden, ihre Produkte bis zur Marktreife zu bringen. Ein zentrales Ziel ist es, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen sowie Start-ups den Zugang zum Europäischen Verteidigungsfonds zu erleichtern. EUDIS wurde 2022 mit einem Budget von 2 Milliarden Euro eingerichtet, davon stammen 1,46 Milliarden Euro aus dem EDF. Zum Programm gehört ein sogenanntes „Spin-in“-Element, das Unternehmen dazu anregen soll, Ergebnisse aus zivilen, EU-finanzierten F&E-Programmen für militärische Zwecke nutzbar zu machen.4
Zu EUDIS gehört außerdem die Defence Equity Facility. Über sie investiert der Europäische Investitionsfonds (EIF) in private Fonds, die kleine und mittlere Rüstungsunternehmen in der EU oder Norwegen unterstützen, wenn diese „innovative“ Militärtechnologien entwickeln.5 Für den Zeitraum 2024–27 stehen dafür insgesamt 175 Millionen Euro zur Verfügung.
Act in Support of Ammunition Production (ASAP)
Dieses EU-Programm sollte Mitgliedstaaten dazu bewegen, bei der Beschaffung von Rüstungsgütern enger zusammenzuarbeiten, also Waffensysteme gemeinsam zu planen und einzukaufen. Es lief von 2024 bis 2025 und verfügte über ein Gesamtbudget von 310 Millionen Euro, davon 10 Millionen Euro aus Norwegen. Im Rahmen von Ausschreibungen zur gemeinsamen Beschaffung von Luft- und Raketenabwehrsystemen, Boden-Boden-Munition und Plattformen sowie zum Ersatz veralteter Systeme erhielten fünf Projekte jeweils 60 Millionen Euro.
European Defence Industry Reinforcement through Common Procurement Act (EDIRPA)
Dieses EU-Programm sollte Mitgliedstaaten dazu bewegen, bei der Beschaffung von Rüstungsgütern enger zusammenzuarbeiten, also Waffensysteme gemeinsam zu planen und einzukaufen. Es lief von 2024 bis 2025 und verfügte über ein Gesamtbudget von 310 Millionen Euro, davon 10 Millionen Euro aus Norwegen. Im Rahmen von Ausschreibungen zur gemeinsamen Beschaffung von Luft- und Raketenabwehrsystemen, Boden-Boden-Munition und Plattformen sowie zum Ersatz veralteter Systeme erhielten fünf Projekte jeweils 60 Millionen Euro.
ReArm Europe/Readiness 2030
Im März 2025 legte die Europäische Kommission einen strategischen Plan namens ReArm Europe vor, der später in Readiness 2030 umbenannt wurde. Ziel ist es, bis zu 800 Milliarden Euro zu mobilisieren, um die militärischen Kapazitäten Europas auszubauen. Der Plan stützt sich auf fünf zentrale Elemente:
- Die Mitgliedstaaten sollen mehr fiskalischen Spielraum erhalten und ihre Militärausgaben deutlich erhöhen können, ohne dabei die üblichen EU-Fiskalregeln zu den zulässigen Schuldenständen einhalten zu müssen;
- ein neues Instrument soll EU-Mitgliedstaaten Kredite für militärische Investitionen zur Verfügung stellen (siehe SAFE unten);
- bereits bestehende Mittel, etwa aus Programmen der Kohäsionspolitik, sollen in militärische Investitionen umgeleitet werden;
- der Zugang zu privatem Kapital soll durch eine Beschleunigung der Savings and Investment Union ausgeweitet werden, bei der die Ersparnisse der Bürger*innen für Investitionen gebündelt werden;
- die Beschränkungen für Kredite der Europäischen Investitionsbank für die Rüstungsindustrie sollen gelockert werden.
Security Action for Europe (SAFE)
SAFE stellt Mitgliedstaaten, die finanzielle Unterstützung für militärische Investitionen beantragen, langfristige Kredite von bis zu 150 Milliarden Euro zur Verfügung. Das Instrument bildet die erste Säule von ReArm Europe/Readiness 2030.
European Defence Industry Programme (EDIP)
Dieses Programm läuft von 2026–27 und ist mit der European Defence Industry Strategy (EDIS) verknüpft. Im Mittelpunkt stehen der Ausbau der militärischen Produktionskapazitäten der EU und die Unterstützung der ukrainischen Rüstungsindustrie. Das Budget beträgt 1,5 Milliarden Euro, davon sind 300 Millionen Euro für das Ukraine Support Instrument (USI) vorgesehen. Ein weiterer zentraler Bestandteil sind die Industrial Reinforcement Actions (IRAs). Sie sollen die Produktion ausweiten und Engpässe in den Lieferketten beseitigen; dafür sind 700 Millionen Euro reserviert. Eine erste Ausschreibung mit Frist im Juni 2026 konzentriert sich auf energetische Komponenten, darunter Sprengstoffe und Sprengköpfe, die Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen für die EU-Produktion sowie auf Raketen, Sprengstoffe und Bomben für die Ukraine.6
Programme for agile and rapid defence innovation (AGILE)
Das von der Europäischen Kommission im März 2026 angekündigte Programm verfügt über ein Budget von 115 Millionen Euro, das aus bestehenden Instrumenten umgeschichtet wurde.7 Ziel ist es, „disruptive Verteidigungstechnologien in Rekordzeit vom Labor ins Feld zu bringen“. Ab Anfang 2027 soll AGILE 20–30 Projekte finanzieren. Dabei geht es insbesondere darum, die Entwicklung, Erprobung und Vermarktung militärischer „Innovationen“ zu beschleunigen und ihre Einführung auf dem Markt voranzutreiben. Wie andere vorübergehende Instrumente soll AGILE als Übergang zu einem längerfristigen Nachfolgeprogramm im nächsten MFR dienen.8
Europäische Friedensfazilität (EPF)
Die EPF ist ein außerbudgetärer Finanzierungsmechanismus. Sie wurde 2021 parallel zum aktuellen MFR geschaffen, um EU-Recht zu umgehen, das die Finanzierung militärischer Operationen aus Mitteln des EU-Haushalts untersagt. Damit steht sie in deutlichem Widerspruch zum Geist der EU-Verträge. Über die EPF werden Militärhilfen für EU-Partnerländer sowie die gemeinsamen Kosten von EU-Militärmissionen finanziert. Sie löste damit den Athena-Mechanismus ab. Nach Russlands großangelegter Invasion der Ukraine im Februar 2022 wurde die EPF zu einem der wichtigsten Instrumente der EU zur Finanzierung militärischer Unterstützung für die Ukraine. Bislang wurden darüber 6,4 Milliarden Euro für militärische Ausrüstung und 362 Millionen Euro für die EU Military Assistance Mission bereitgestellt, die ukrainische Soldaten ausbildet.9 Das ursprünglich auf 5,7 Milliarden Euro festgelegte Budget stieg dadurch auf mehr als 17 Milliarden Euro.
Militärhaushalte der EU 2021–2027, ohne Raumfahrt
| Programm | Budget in Mrd. € (Stand: 26. Mai) | Anmerkung |
| Europäischer Verteidigungsfonds (EDF) | 9,5 | |
| EU Defence Innovation Scheme (EUDIS) | 0,54 | Ohne die aus dem EDF in Anspruch genommenen 1,46 Mrd. € |
| Act in Support of Ammunition Production (ASAP) | 0,5 | |
| European Defence Industry Reinforcement through Common Procurement Act (EDIRPA) | 0,31 | |
| European Defence Industry Programme (EDIP) | 1,5 | |
| Militärische Mobilität | 1,74 | |
| Gesamt | 14,09 | |
Militärische Finanzierungsinstrumente der EU, 2021–2027, in Mrd. €
| MFR-Zuschüsse/Haushalt | 14,09 | |
| Europäische Friedensfazilität (EPF; außerbudgetärer Fonds) | 17 | |
| SAFE-Darlehen (2025–2030) | 150 |
Nichtmilitärische Mittel aus dem MFR 2021–2027, die für militärische Zwecke eingesetzt werden
Connecting Europe Facility
Seit 2021 wird die Connecting Europe Facility, der EU-Fonds für grenzüberschreitende Infrastrukturinvestitionen, auch zur Finanzierung militärischer Mobilität genutzt. Zwischen 2021 und 2024 wurden darüber 95 ausgewählte Dual-Use-Infrastrukturprojekte mit insgesamt 1,7 Milliarden Euro gefördert.10 2025 legte die Europäische Kommission im Rahmen von Defence Readiness 2030 ein Military Mobility Package vor. Das Europäische Parlament stellte im EU-Haushalt 2026 zusätzlich 10 Millionen Euro für dessen Umsetzung bereit.11
Finanzierung von Grenzkontrolle und innerer Sicherheit
Auch wenn diese Ausgaben nicht im engeren Sinne als Militärausgaben gelten, werden verschiedene Instrumente für Grenzsicherung, Grenzkontrolle und innere Sicherheit teilweise dazu genutzt, militarisierte Maßnahmen in diesen Bereichen zu finanzieren. Dazu gehören der Fonds für die innere Sicherheit (ISF) und der Fonds für integriertes Grenzmanagement (IBMF), insbesondere dessen Instrument für Grenzmanagement und Visa (BMVI). Hinzu kommen das Budget der EU-Grenzagentur Frontex und Ausgaben für die Externalisierung von Grenzen. Dazu zählt unter anderem die Bereitstellung von Militär- und Sicherheitsausrüstung für Nicht-EU-Länder, etwa über den EU-Treuhandfonds für Afrika (EUTF), das Instrument für Nachbarschaft, Entwicklungszusammenarbeit und internationale Zusammenarbeit (NDICI) und verschiedene Migrationsabkommen mit Nicht-EU-Staaten. Mehrere dieser Instrumente wurden im Zuge der Halbzeitüberprüfung des MFR mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet.12
Kohäsionsfonds
Der Kohäsionsfonds ist ein seit Langem bestehendes EU-Instrument, mit dem Mitgliedstaaten mit einem niedrigeren Bruttonationaleinkommen pro Kopf unterstützt werden sollen, um den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt innerhalb der EU zu stärken.13 Nach der Halbzeitüberprüfung des MFR wurde der Fonds auch für militärische Projekte geöffnet.14 Im März 2026 erklärte der für Kohäsionspolitik zuständige EU-Kommissar, dass rund 11,9 Milliarden Euro in sogenannte Dual-Use-Investitionen für „Drohnen, Weltraumkapazitäten und militärische Mobilität“ umgeleitet worden seien.15
Verordnung zur Förderung verteidigungsbezogener Investitionen im Rahmen des EU-Haushalts
Diese 2025 verabschiedete Verordnung, die mitunter auch als „Mini-Omnibus für Verteidigung“ bezeichnet wird, ändert fünf zentrale EU-Programme mit dem Ziel, Steuergelder in militärische und Dual-Use-Anwendungen umzuleiten und damit die EU-Rüstungsindustrie zu stärken. Neben Änderungen am EDF geht es vor allem darum, zivile Förderprogramme wie das Digital Europe Programme und die Connecting Europe Facility für militärische und Dual-Use-Projekte zu öffnen.16 Eine bemerkenswerte Änderung beim EDF ist, dass nun auch ukrainische Einrichtungen Fördermittel erhalten können, ohne dass die Ukraine dabei an den Gemeinsamen Standpunkt der EU zu Rüstungsexporten gebunden wird.17 Innerhalb der bestehenden Plattform für strategische Technologien für Europa (STEP) wurde zudem eine neue Säule für „Verteidigungstechnologie“ geschaffen, über die Mittel aus bestehenden Programmen in die Rüstungsindustrie gelenkt werden sollen. Dazu gehört auch eine eigene Mittelzuweisung im Europäischen Verteidigungsfonds (EDF), dessen Budget zu diesem Zweck aufgestockt wurde.18
Militär- und Sicherheitsfirmen erhalten seit dem 6. (2002–06, Pilotprojekte) und 7. EU-Forschungsrahmenprogramm (2007–13) immer größere Anteile der EU-Forschungsförderung. Horizon Europe, das aktuelle neunte Rahmenprogramm, wurde zunächst als rein ziviles Forschungsprogramm dargestellt – obwohl viele sicherheitsbezogene Projekte offensichtlich auch militärisch genutzt werden können. Mit der EU-Verordnung von 2025 wurde das Programm offiziell auch für Dual-Use-Forschung geöffnet. Dafür wurde ein eigener Accelerator des European Innovation Council (EIC) geschaffen, der Dual-Use- und Rüstungsunternehmen unterstützen soll.
Europäische Investitionsbank und Zugang zu privater Finanzierung
Militärische Akteure, Rüstungsunternehmen und Regierungen üben seit Jahren Druck auf private Investoren wie Banken und Pensionsfonds aus, mehr Geld in die Rüstungsproduktion zu stecken und ethische Anlagerichtlinien aufzugeben, die Investitionen in diesen Sektor ausschließen. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Haltung der Europäischen Investitionsbank grundlegend verändert: von einer stark restriktiven Position bei der Finanzierung des Rüstungssektors hin zu einem eigenen Security and Defence Industry Action Plan (2024), über den Milliarden Euro in den Ausbau der Produktionskapazitäten der EU-Rüstungsindustrie fließen sollen.
Militärausgaben der Mitgliedstaaten
Ein erheblicher Teil der neuen EU-Finanzierungsinstrumente und politischen Maßnahmen, die während des aktuellen MFR eingeführt wurden, soll die Mitgliedstaaten dazu bringen, ihre Militärausgaben zu erhöhen und stärker in die Rüstungsindustrie zu investieren. Auf dem NATO-Gipfel 2025 verpflichteten sich die EU-Mitgliedstaaten, die zugleich der NATO angehören, zur neuen „NATO-Norm“, nach der 5 % des BIP für Militär und Sicherheit ausgegeben werden sollen. Davon sind 3,5 % für direkte Militärausgaben und 1,5 % für weiter gefasste Investitionen, etwa in Infrastruktur, vorgesehen. Auch die EU-Staaten, die nicht der NATO angehören, folgen dem Trend stark steigender Militärausgaben.
| Militärausgaben der EU-Mitgliedstaaten (in Mrd. €) | |||||
| 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | 2025 | |
| Ausgaben | 183,0 | 245,1 | 281,9 | 332,8 | 408,1 |
| Quelle: SIPRI-Datenbank zu Militärausgaben (umgerechnet in aktuelle Euro unter Verwendung der jährlichen IRS-Referenzwechselkurse) | |||||
Profite der Rüstungsindustrie
Nach Angaben der EU sollen die meisten neuen Maßnahmen im MFR 2021–27 die staatliche Nachfrage nach Rüstungsgütern erhöhen. Gleichzeitig enthalten sie umfangreiche Unterstützungsmaßnahmen für die Militär- und Sicherheitsindustrie. Rüstungsunternehmen profitieren dabei nicht nur von höheren Ausgaben. Sie werden auch in anderen Politikbereichen bevorzugt behandelt, etwa beim Zugang zu Rohstoffen und Komponenten, und erhalten Ausnahmen von Vorschriften beispielsweise in den Bereichen Umwelt, Sicherheit und Arbeitsrechte. Zudem werden Rüstungsunternehmen zunehmend als Partner in die Politikgestaltung einbezogen und als Experten behandelt. Dadurch erhalten sie erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen, die sie selbst betreffen.
Ein erklärtes Ziel vieler dieser Maßnahmen ist es, die EU-Rüstungsindustrie wettbewerbsfähiger zu machen. Einerseits soll damit die „strategische Autonomie“ der EU gestärkt und ihre Abhängigkeit von US-Rüstungsunternehmen verringert werden. Andererseits geht es auch darum, Waffenexporte in Länder außerhalb der EU zu steigern. Parallel dazu gibt es Bestrebungen, Kontrollen und Beschränkungen für Rüstungsexporte zu lockern, unter anderem durch die Transfer-Richtlinie, die Teil des Defence Readiness Omnibus 2025/26 ist. Diese Maßnahmen könnten den Weg für mehr EU-Waffenexporte in umstrittene Zielländer ebnen, darunter Staaten, die sich in kriegerischen Auseinandersetzungen befinden oder routiniert Menschenrechte verletzen.
